Zweiter Weltkrieg - Kriegsende in Mainz-Ebersheim
Rund und dick sollen sie sein. Um das Durchsägen solcher Baumstämme zu erschweren, müssen zwischen ihnen Wasserleitungsrohre oder andere Metallstangen festgenagelt werden. Auf jeden Fall ist zu vermeiden, dass die Stahleinlagen zu erkennen sind. Mit diesem Befehl zum Bau von Panzersperren versuchte der Mainzer Gauleiter im Januar 1945, den Einmarsch der Amerikaner in Rheinhessen aufzuhalten.
Am Samstag, den 17. März 1945 war es auch in Ebersheim soweit. Auf der Grundlage des Befehls wurden bei strahlendem Sonnenschein drei Panzersperren aus Holzstämmen in der Weinbergstraße, vor der Kirche und auf der Höhe der heutigen Sparkasse aufgeschichtet.
In einem Tagebuch einer Ebersheimerin heißt es zu diesen Ereignissen:
„…Die Panzersperren sind bewacht. […] Es sind ganz wenige Soldaten, die Ebersheim verteidigten sollen. Der Volkssturm lehnt es ab. Den ganzen Tag über ist es ganz schlimm mit Tieffliegern. Gegen Abend wird die Panzersperren geschlossen. Der Volkssturm sollte es tun, niemand ist angehalten. Ein Kommandeur der Wehrmacht trat dann an und schloss die Sperren. Die Leute sind beunruhigt und wollen sie wieder aufmachen. Die Wehrmacht stellt jedoch Wachen auf…“
Die militärische Lage war zu diesem Zeitpunkt unübersichtlich. Viele Menschen glaubten noch an einen Verteidigungsgürtel der 7. Deutschen Armee. Tatsächlich löste sich diese aber seit der Kapitulation von Koblenz und der Einnahme von Bad Kreuznach auf. General Earnest hatte inzwischen seiner 90. US-Infanteriedivision den Befehl gegeben, Mainz einzunehmen.
Damit kam der Krieg auch auf Ebersheim mit großen Schritten zu. Bislang war der Ort von größeren Schäden noch verschont geblieben. Anders als in der Stadt Mainz war kein Haus von Bomben getroffen worden. Lediglich zwei Bomben waren ungefähr auf der Höhe des heutigen Kartoffelhofs Engmann eingeschlagen. Der seit sechs Jahren andauernde Krieg prägte allerdings in anderen Bereichen den Ort. Viele junge Männer waren als Soldaten eingezogen worden, wovon 68 nicht zurückkehrten.
Das tägliche Leben in Ebersheim wurde während dieser Zeit von französischen Kriegsgefangenen und von polnischen, russischen oder holländischen Fremdarbeitern (und insbesondere Fremdarbeiterinnen) mitgeprägt. Während diese auf einzelne Häuser verteilt waren, hatten die Franzosen in einer Scheune (heute abgerissen) hinter der Ecke Töngesstraße/Römerstraße ein Sammelquartier und gingen jeden Morgen zu ihren Arbeitsstätten. Größere Veränderungen hatte es während dieser Zeit bei der Freiwilligen Feuerwehr. gegeben Da diese nicht mehr genügend Mitglieder hatte, entstand eine Frauenfeuerwehr. Im Ort selbst erinnerten die Adolf-Hitler-Straße (heute: oberer Abschnitt der Laurentiusstraße), die Horst-Wessel-Straße (heute: Teil der Neugasse) und auch die Straße der SA (heute: Töngesstraße zwischen Effenspitze und Töngeshof) an die damaligen politischen Verhältnisse.
Dies alles war bereits Mitte März in den Hintergrund gerückt. In den Tagebuchaufzeichnungen des damals 15jährigen Georg Bertz war für Ebersheim an diesem Tag heißt es:
"Freitag 16. März 1945: Heute wurde erhöhte Alarmbereitschaft gegeben.Sämtliche Ausländische Arbeiter und Kriegsgefangenemüssen über den Rhein."
Einen Tag später wurden samstags die oben beschriebenen Panzersperren errichtet und zugemacht. Am folgenden versuchte gegen Abend eine kampfstarke deutsche Flakeinheit aus dem Elsass in Ebersheim in Stellung zu gehen, um die amerikanischen Panzer abzuwehren. Georg Bertz schrieb:
Zum Glück für den Ort ergriffen jetzt einige Ebersheimer Landwirte die Initiative und stellten ihr letztes Benzin zur Verfügung. Die Flakeinheit zog daraufhin in der Nacht zum Dienstag nach Hahnheim und lieferte den aus Schornsheim kommenden Amerikanern am 20. März einen letzten großen rheinhessischen Abwehrkampf. In dem 500-Einwohner-Dorf starben 15 Menschen, darunter sieben Zivilisten. Am Ende der Kämpfe lag Hahnheim zur Hälfte in Trümmern.
In Ebersheim hörte man den Artilleriebeschuss in Richtung Zornheim. Bereits in der Nacht zum Montag, 19. März, hatte gegen 1:00 Uhr zum ersten Mal die Artillerie Ebersheim beschossen. Die Angst über das, was kommen wird, wurde immer größer. Dies spiegelt sich auch in dem Tagebucheintrag von Georg Bertz wider:
"Montag 19. März 1945: Der Jahrgang 1929/30 soll heute über den Rhein, da werden sie aber lange warten können, denn jetzt noch über den Rhein zu gehen wäre Unsinn. Heute Nacht sollen die Flakbatterien fortkommen. Alles zieht in den Keller, da mit Artilleriebeschuss zu rechnen ist. Wir haben auch unsere Betten in den Keller geschafft. Hoffentlich geht alles gut vorüber."
Auch in allen weiteren Häusern von Ebersheim war man bereits in die Kellerräume gegangen. Die Ungewissheit darüber, ob weitere deutsche Truppen anrücken, wo genau sich die amerikanischen Panzer befinden und ob heftige Kämpfe im Ort bevorstehen, nagte an den Nerven. So heißt es in dem Tagebucheintrag der Ebersheimerin vom 19. März:
„…Das ganze Dorf ist in Bewegung, weil es dauernd heißt, die Panzer sind schon da, bis jetzt hat sich aber noch nichts gezeigt. Der Wehrmachtbericht meldet, dass nach heftigen Kämpfen Bad Kreuznach gefallen ist. Gegen Abend wird die Panzersperre aufgemacht, um die Geschütze durchgelassen, die rechtsrheinisch kommen sollen. Alles atmet auf. Nur ganz wenige Soldaten sind da. Die Leute sind schwer auf acht, um zu gegebener Zeit die Sperre aufzumachen. Wenn die Artillerie schweigt, da sind ständig die Tiefflieger da, die ganz niedrig das Dorf überfliegen. Die Spannung ist noch gestiegen. […] Alles wird in den Keller geschleppt, um es bei einem eventuellen Artilleriebeschuss ausschalten zu können. Bis zum Abend war von keinem Amerikaner etwas zu sehen…“
Als am Dienstag, den 20. März, die Sonne aufging, hatte sich die Lage weiter verschärft. Um 11.00 Uhr fiel der Strom aus, da die Leitungen durch den Artilleriebeschuss zerstört waren. Gerüchte von Flaksoldaten, die aus Nieder-Olm kamen, machten die Runde. Es wurde erzählt, dass dort die Panzerkolonnen der Amerikaner stünden, bereits mehrere Panzer abgeschossen worden und größere Kämpfe zu erwarten seien. Diese Informationen ließen nichts Gutes erwarten.
Am frühen Nachmittag kam alles ganz anders und völlig überraschend. Der Ebersheimer Heimatforscher Georg Bertz hat den Moment in seinem Tagebuch festgehalten:
„…Um 13.30 Uhr rücken die ersten Amerikaner von Richtung Zornheim kommend hier ein. Drei Panzer sind dabei. Widerstand wurde nicht viel geleistet…“
Bei diesen Truppen handelte es sich um das zweite Bataillon des 359. US-Infanterieregiments und das 712. amerikanische Panzerjägerbataillon. Dieses Bataillon hatte bereits vorher Sörgenloch und Zornheim besetzt und verbrachte die Nacht in Ebersheim. Hier waren vorher die Panzersperren beseitigt worden. Die Amerikaner hatten die Ebersheimer vor die Wahl gestellt, die drei Hindernisse sofort abzubauen oder mit den Panzern durch die angrenzenden Häuser zu fahren bzw. sie einfach wegzuschießen.
Unter den amerikanischen Truppen befand sich ein Mann, der in einer Ebersheimer jüdischen Familie geboren und später nach Amerika ausgewandert war. Über ihn liefen jetzt alle Kontakte. Bis auf einen schrecklichen Zwischenfall, bei dem ein amerikanischer Soldat auf der Höhe der heutigen Sparkasse durch den Schuss einer Panzerfaust getötet wurde, kam es zu keinen weiteren Kriegshandlungen. Der Zweite Weltkrieg war in Ebersheim war zu Ende.
Die Amerikaner rückten am 21. März über die Gaustraße nach Hechtsheim vor und wurden auf der Hechtsheimer Höhe noch in kurze Kämpfe verwickelt. Mainz wurde am 22. März, einem Donnerstag, von der 90. US-Infanterie-Division bis zum Rheinufer besetzt.
Am gleichen Tag ereignete sich in Oppenheim/Nierstein ein Ereignis von historischer Bedeutung, die der deutsch-japanische Historiker Dr. Takuma Melber in der Allgemeinen Zeitung vom 21. März 2025 als einen „Meilenstein bei der Befreiung Europas durch die Alliierten“ bewertete. In einer überraschenden und „handstreichartigen Aktion“ setzten zwei Kompanien der US-Armee ab 22 Uhr bei Mondschein, guter Sicht und Niedrigwasser über den Rhein und besetzten ohne große Gegenwehr das Ufer. Nachdem daraufhin mehrere Divisionen der Amerikaner mit 200 Schlauchbootenden Rhein ebenfalls überquert hatten, rückten diese in Richtung Ruhrgebiet vor und schlossen dort im April 1945 deutsche Truppen im Ruhrkessel ein. Was folgte, wurde mit der Schlacht um Berlin eine der letzten große Kesselschlachten des Krieges sowie eine der letzten großen Schlachten auf dem europäischen Kriegsschauplatz.
Dieser Bericht ist die 2025 ergänzte Fassung eines Beitrags, der im Oktober 2007 gemeinsam mit dem Ebersheimer Heimatforscher Georg Bertz im Ebersheimer Schaufenster und im Juni 2014 in regionalgeschichte.net erschien.
Amerikanische Kriegstagebücher
Kriegstagebuch des 712. amerikanischen Panzerjägerbataillons
Auszug aus „Section 7” der Webseite (http://www.90thdivisionassoc.org/90thDivisionFolders/mervinhogg/712/mainframe.htm)
" THE BATTLE OF CENTRAL EUROPE ...On this same day [On 20 March ] A and B Cos. ran into snags, the danger of which was always present. While the perils of fighting were greatly reduced from what they had been in previous campaigns, death still lurked at every roadblock and every once in a while a savage clash would flare up. A Co. hit one of these at OBER INGELHEIM, while B Co. had to hit with both fists at EBERSHEIM; in both instances, however, the 712th-90th team was much too proficient and daring for the cluster of fanatics. The Luftwaffe made an appearance this day, flying 44 seemingly aimless sorties with jet propelled, FW 190 and ME 109 planes. And that night some audacious prowling Nazis hit an A Co. platoon bivouac area and were thrown back only after a fierce fight during which one Boche managed to heave a hand grenade down the barrel of a Sherman, inflicting painful injuries on the occupant. On 21 March the tankers and doughs began converging on MAINZ…..
Zeittafel mit wichtigen Ereignissen
1. September 1939
Beginn des Zweiten Weltkrieges
5. November 1939
Die ersten feindlichen Flugzeuge überfliegen Mainz und Rheinhessen
August/September 1941
Die ersten Bomben werden auf Mainz abgeworfen
19. Juli und 13. August 1942
Großangriffe von englischen Bombern auf Mainz mit schweren Zerstörungen in der Stadt
20. Dezember 1943
Nachtangriff von englischen Bombern
September 1944 bis Februar 1945
Englische und amerikanische Bomber fliegen insgesamt 14 Angriffe auf Mainz
27. Februar 1945
Großangriff von englischen Bombern auf Mainz mit mehr als 1.200 Toten und schweste Zerstörungen in der Stadt
21. März 1945
Rheinhessen wird von amerikanischen Truppen besetzt
22. März
Die 90. US-Division besetzt Mainz bis zum Rheinufer
8. Mai 1945
Der Zweite Weltkrieg ist in Europa zu Ende
Eine ausführliche Schilderung der Luftangriffe auf Mainz findet sich bei Wikipedia hier...
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Bilder dieses Beitrags (alle Gemeinfrei)
großes Bild oben: Amerikanische Soldaten überqueren mit einem M 36 "Jackson" Panzer den Rhein bei Oppenheim über eine Pontonbrücke
Bild im Textbereich:
Französische Kriegsgefangene 1943 - KGF Arb.Kol. (Kriegsgefangene Arbeiterkollone) 412 in Ebersheim - Diese waren untergebracht in einer Scheune Ecke Römerstraße/Töngesstraße
Luftbild von Ebersheim vom 10. April 1947